„EZB droht, Fehler von 2008 und 2011 zu wiederholen“

Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz: Die EZB verweist zu Recht darauf, dass bislang keine überzeugenden Argumente für eine unmittelbare Straffung vorliegen. Der jüngste Inflationsanstieg ist zwar kräftig, aber bisher vor allem energiegetrieben. Gleichzeitig mehren sich die Hinweise auf eine schwächere Konjunkturdynamik. Der Zielkonflikt in der Geldpolitik tritt damit deutlicher hervor. Lagarde hat diesen Punkt heute klar adressiert. Die heutige Entscheidung sei auf Basis „noch unzureichender Informationen“ zur Nachhaltigkeit beider Entwicklungen getroffen worden. In den kommenden Wochen dürfte sich das Bild mit neuen Daten und Projektionen schärfen. Eine Zinserhöhung im Juni ist damit möglich, aber aus unserer Sicht weniger wahrscheinlich. Denn die Nachfrageelastizität dürfte in Europa wie auch in anderen Regionen höher sein als beim letzten Energiepreisschock. Hierfür sprechen die weniger umfangreichen fiskalischen Unterstützungen, die schwächere konjunkturelle Grundtendenz und die Tatsache, dass viele Haushalte und Unternehmen nach den Erfahrungen des Jahres 2022 schneller mit Kürzungen auf höhere Preise reagieren dürften. Insgesamt erscheint der geldpolitische Ausblick damit sogar etwas offener als noch im März.

Aussichten für Anleger: Die EZB signalisiert mit ihrer aktuellen Kommunikation etwas mehr Geduld im Umgang mit dem Inflationsanstieg und rückt näher an die Linie der FED. Für Anleger bedeutet dies: Der Zinsausblick bleibt unsicher – so wie eigentlich immer. Die am Markt eingepreisten drei Zinsanhebungen bis Jahresende scheinen aber weiterhin ambitioniert. Gleichzeitig nehmen die konjunkturellen Risiken zu. Zyklische Geschäftsmodelle bleiben damit anfällig, während sich das Zinsumfeld stabiler darstellt, als es die Markterwartungen nahelegen.

Dr. Johannes Mayr (Foto: Eyb & Wallwitz)

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