„EZB droht, Fehler von 2008 und 2011 zu wiederholen“

Christian Schulz, Chefvolkswirt bei AllianzGI: Die heutige Sitzung der EZB bestätigt, dass der wahrscheinlichste geldpolitische Kurs weiterhin einige Zinserhöhungen vorsieht. Zwar räumte die EZB ein, dass sich die Wachstumsrisiken verschärft haben und dass die längerfristigen Inflationserwartungen weiterhin gut verankert sind, doch wies sie auch auf höhere kurzfristige Inflationserwartungen sowie anhaltende Inflationsrisiken nach oben hin, die sich aus der anhaltenden Sperrung der Straße von Hormus ergeben.

Präsidentin Lagarde bekräftigte die Reaktionsfunktion, die sie auf der ECB Watchers-Konferenz im März und in ihrer Rede im April in Berlin dargelegt hatte: Die EZB kann die energiebedingte Inflation im Basisszenario ignorieren, im ungünstigen Szenario moderat die Zinsen anheben und in einem schwerwiegenden Szenario entschlossen reagieren. Da der jüngste Anstieg der Energiepreise das ungünstige Szenario wieder in den Bereich des Möglichen rückt, ist es nicht überraschend, dass die Zinsentscheider Berichten zufolge bereits heute über eine Anhebung diskutiert haben, bevor sie sich schließlich einstimmig darauf einigten, die Zinsen unverändert zu lassen.

Lagarde betonte, dass in den nächsten sechs Wochen wichtige neue Informationen vorliegen würden und eine Entscheidung im Juni getroffen werden solle, zusammen mit aktualisierten Szenarien der Experten.

Angesichts der Entwicklungen im Nahen Osten bleibt die Unsicherheit hoch. Derzeit ist die EZB weiterhin in Bezug auf Inflationsrisiken vorsichtig, hinkt der Entwicklung jedoch nicht hinterher.

Wir bekräftigen daher unser Basisszenario von Zinserhöhungen um 25 Basispunkte im Juni und September. Allerdings scheinen im Vergleich zu den Juni-Prognosen der EZB die Wachstumsrisiken stärker gestiegen zu sein als die Inflationsrisiken, was die Waage in Richtung weniger oder gar keine Zinserhöhungen verschiebt und die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass eine etwaige Straffung im Jahr 2027 rückgängig gemacht wird, sobald der Inflationsschub nachlässt.

Christian Schulz (Foto: AllianzGI)
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