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SpaceX-Bewertung: Warum die Vision wichtiger ist als die Zahlen

SpaceX-Gebäude
Foto: stock.adobe.com/L.I. Drone Shots
Analyse zur Bewertung von SpaceX, den zugrunde liegenden Zukunftsvisionen und deren Bedeutung für Anleger.

Die Börsenbewertung von SpaceX sorgt für Diskussionen. Während fundamentale Kennzahlen viele Fragen aufwerfen, fasziniert Investoren vor allem die Vision von Elon Musk. Dahinter steht ein größerer Konflikt über die Zukunft, die Kapitalmärkte finanzieren sollen.

Finanzanalysen legen nahe, dass SpaceX derzeit massiv überbewertet ist. Trotzdem übt die Aktie eine enorme Anziehungskraft aus. Der Kern dieser Faszination liegt weniger in den Zahlen als in der Geschichte, die dazu erzählt wird: der Verheißung, unseren ressourcenintensiven Lebensstil mithilfe von Technologie einfach in den Weltraum zu verlagern – ohne unser Verhalten grundlegend zu ändern.

Eine Bewertung, die wenig mit der Realität zu tun hat

Seit dem Börsengang am 12. Juni gehört SpaceX zu den zehn wertvollsten Unternehmen der Welt. Zeitweise lag die Marktkapitalisierung auf Rang fünf, aktuell steht sie nach einem kräftigen Kursrückgang immer noch auf Platz sieben. Das ist bemerkenswert für ein Unternehmen, das im vergangenen Jahr einen Verlust von 5 Milliarden US‑Dollar verbucht hat. Zum Vergleich: Die Marktkapitalisierung von SpaceX liegt heute ungefähr auf dem Niveau von TSMC, einem Halbleiterhersteller, der im selben Zeitraum einen Gewinn von 55 Milliarden US‑Dollar erwirtschaftet hat.


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SpaceX umfasst neben dem Raketenbau den Satelliten-Internetdienst Starlink sowie das KI-Unternehmen xAI, zu dem auch die Social-Media-Plattform X gehört. Von diesen Geschäftsbereichen ist bisher nur Starlink profitabel. Um die aktuelle Bewertung zu rechtfertigen, müssten die künftigen Gewinne aller Segmente außerordentlich hoch ausfallen. Genau das behauptet das Unternehmen. SpaceX spricht vom größten „Total Addressable Market“ (TAM) der Menschheitsgeschichte: 28,5 Billionen US‑Dollar – mehr als ein Fünftel des weltweiten BIP. Davon sollen 26,5 Billionen US‑Dollar aus KI-Anwendungen stammen, vor allem im Unternehmensbereich. Unabhängige Analysen zeichnen allerdings ein anderes Bild. Auf Basis verfügbarer Marktdaten wirkt bestenfalls rund 1 % dieses angenommenen Marktvolumens realistisch. Selbst Starlink müsste langfristig rund 80 % des weltweiten Marktes für Internetdienste beherrschen, um die aktuelle Bewertung zu rechtfertigen. Aus Sicht nachhaltiger, fundamental orientierter Anleger ist das eine extrem ambitionierte – um nicht zu sagen spekulative – Annahme.

Die eigentliche Attraktion ist die Erzählung

Trotz dieser Diskrepanz bleiben viele Investoren begeistert. Das lässt sich kaum mit Kennzahlen erklären – wohl aber mit der Erzählung, die Elon Musk anbietet. Sein Zukunftsbild: Künstliche Intelligenz, Weltraumkolonisierung und radikale technologische Innovation heben die planetaren Grenzen scheinbar auf. KI-Rechenzentren im All, Millionen von Satelliten und irgendwann menschliche Siedlungen auf dem Mars. In Zeiten von geopolitischen Spannungen, Klimakrise und wachsender Unsicherheit wirkt diese Vision auf viele wie ein Ausweg. Doch ob eine solche Weltraumoffensive die Erde wirklich entlasten würde, ist höchst fraglich. Es ist schwer nachvollziehbar, warum die Aneignung des Weltraums durch einen der reichsten Menschen der Welt die grundlegenden Probleme auf der Erde lösen sollte. Sinnvoller wäre es, den Weltraum nicht als Fluchtpunkt oder neues Expansionsgebiet zu betrachten, sondern als Raum, „der eng mit dem irdischen Ökosystem verflochten ist und die gesellschaftlichen Probleme hier unten widerspiegelt“. Ein Beispiel sind die geplanten KI-Rechenzentren im All. Musk zufolge wären dafür rund eine Million Satelliten notwendig. Das Starlink-Netzwerk umfasst derzeit noch nicht einmal 10.000. Eine Verhundertfachung würde die Verschmutzung durch verglühende Satelliten massiv erhöhen. Forschende warnen, dass die entstehenden Emissionen die Zusammensetzung der Atmosphäre verändern und die Ozonschicht schädigen könnten. Ob diese Pläne jemals Realität werden oder nicht: Schon heute haben sie Musk extrem vermögend und einflussreich gemacht. Gemeinsam mit einigen Gleichgesinnten gewinnt er immer mehr Kontrolle über zentrale Infrastruktur-, Kommunikations- und Informationssysteme. Der Börsenwert von SpaceX gründet zu einem großen Teil auf Erwartungen an eine ferne Zukunft. Solange Investoren an dieses Versprechen glauben, übersetzt es sich bereits jetzt in erhebliches finanzielles und politisches Gewicht.

Happy few – oder „happy many“?

Interessanterweise erschien kurz vor dem Börsengang von SpaceX der Global Justice Report, an dem unter anderem der Ökonom Thomas Piketty mitgewirkt hat. Auch dieser Bericht entwirft ein Zukunftsbild – allerdings ein grundlegend anderes: Für das Jahr 2100 zeichnet Piketty ein Szenario, in dem Klimawandel und extreme Ungleichheit eingedämmt sind. 90 % der Weltbevölkerung haben ihr Einkommen verdoppelt, arbeiten deutlich weniger Stunden und profitieren von einem lebenswerten Planeten. Wenn man nicht nur Einkommen, sondern auch Freizeit und eine intakte Umwelt einbezieht, sind die Gewinner dieser Entwicklung: nahezu alle.

Im Gegensatz zu Musks technologischem Sprung in den Weltraum basiert Pikettys Plan nicht auf der Aufhebung physischer Grenzen, sondern auf historischen Produktivitätstrends. Der Weg dorthin: schnelle Dekarbonisierung, weniger Arbeit, weniger Überkonsum und eine gerechtere Verteilung von Einkommen, Vermögen und Macht. Bemerkenswert ist, dass dieses gründlich durchgerechnete Szenario mindestens ebenso oft als „unrealistisch“ oder „gefährlich“ abgetan wird wie Musks Vision – obwohl letzterer auf deutlich spekulativeren Annahmen beruht. Das wirft eine zentrale Frage auf: Wer hat ein Interesse daran, dass wir diese Skepsis gegenüber Reformen teilen? Für die Reichsten der Welt, zu denen Musk gehört, sind tiefgreifende Umverteilungs- und Regulierungsmaßnahmen wenig attraktiv. Im Gegensatz zur großen Mehrheit der Bevölkerung müssten sie relativ gesehen Einbußen hinnehmen. Es ist daher kaum überraschend, dass gerade aus diesen Kreisen Visionen von Weltraumkolonisierung und unbegrenztem Wachstum als „realistisch“ präsentiert werden – und grundlegende gesellschaftliche Reformen als naiv oder bedrohlich.

Was bedeutet das für verantwortliche Anleger?

Für Impact-Investoren stellt sich damit weniger die Frage, wie viel Rendite sich aus der nächsten großen Tech-Erzählung herausholen lässt, sondern welche Zukunftsbilder Kapitalmärkte überhaupt finanzieren sollten? Die SpaceX-Story verspricht vor allem den „happy few“ eine Zukunft, in der die Wohlhabendsten sich vom Rest der Welt abkoppeln und ihre Privilegien in neue Sphären übertragen. Das von Piketty skizzierte Szenario zielt auf „happy many“ ab; eine Zukunft innerhalb planetarer Grenzen mit breiter geteiltem Wohlstand. Nun liegt es an uns als Gesellschaft – und an uns als Investoren – wem wir unser Kapital anvertrauen. Setzen wir auf ein Zukunftsbild, das im Kern der Traum des reichsten Mannes der Welt ist und auf extrem spekulativen Annahmen beruht? Oder unterstützen wir eine Vision, die sich an dem orientiert, was physisch, sozial und wirtschaftlich machbar ist – und von der nahezu alle profitieren? Als Triodos Investment Management ist unsere Antwort klar: Wir investieren nicht in die Flucht vor den Grenzen des Planeten, sondern in die Transformation innerhalb dieser Grenzen.

Autor Joeri de Wilde ist Ökonom bei Triodos Investment Management (IM).


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