Dr. Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust: Mit dem Zinsschritt sichert sich die EZB gegen einen weiteren Anstieg der Inflation ab. Die Notenbank musste ihre Projektionen für 2026 bereits deutlich nach oben korrigieren. Höhere Zinsen dämpfen den Preisdruck in der Eurozone. Steigende Energie- und Vorleistungskosten werden weniger stark auf die Binnenpreise in der Eurozone durchwirken. Die Zinserhöhung erschwert es, höhere Kosten auf die Endpreise umzulegen und stabilisiert die Inflationserwartungen von Konsumenten und Unternehmen. Die Zinsanhebung ist keine unproblematische Entscheidung. Auch wegen der hohen Energiepreise ist die Gefahr einer Rezession durchaus vorhanden. Nach über drei Monaten der Krise im Nahen Osten jetzt auf eine schnelle Beruhigung der Konflikte zu setzen, wäre aber fast schon fahrlässig und mit Blick auf die Preisstabilität riskant gewesen. Der mögliche Fehler dieser Entscheidung bleibt begrenzt. Fällt die Inflation schneller als erwartet, kann die EZB ihre restriktive Geldpolitik später wieder lockern. Im Falle eines baldigen stärkeren Rückgangs der Preise für Energie und andere Lieferungen aus der Golfregion dürften weitere Zinssteigerungen ausbleiben. Für Sparer und Kreditnehmer ändert sich durch einen einzelnen Zinsschritt von 25 Basispunkten unmittelbar wenig. Die Zinsen auf Tages- und Festgeldkonten dürften allenfalls marginal steigen. Wer einen Kredit zu variablen Konditionen hat, muss mit einer geringfügig höheren Belastung rechnen – der Effekt bleibt überschaubar. Entscheidend ist vor allem die Signalwirkung: Die EZB macht deutlich, dass sie die Inflation weiterhin konsequent bekämpfen will.

Dr. Michael Heise (Foto: HQ Trust)











