13. Juni 2012, 14:32
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Die Euro-Politik als Liebestöter

Die Halver-Kolumne: Wir sind alle Menschen mit Stimmungen, Hochgefühlen und Ängsten. Genau diese psychologischen Faktoren beeinflussen unser Verhalten nicht nur, sie spielen sogar die entscheidende Rolle.

Robert Halver

Eindrucksvoll lässt sich Psychologie im Auf und Ab von Wirtschafts- oder Börsenverläufen beobachten. Schon Ludwig Erhard war überzeugt, dass 50 Prozent der Wirtschaft Psychologie sind. Ihm war klar, dass das Wirtschaftswunder in Deutschland nach 1948 nur mit Vertrauen in die wirtschaftliche Zukunft, das heißt Perspektive, möglich war.

Homo Oeconomicus ein Phantasiegebilde

1978 und 2002 erhielten jeweils Psychologen den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, die nachwiesen, dass die klassischen Wirtschaftsmodelle eines effizient und rein rational gesteuerten „Homo Oeconomicus“ eine fehlerfrei arbeitende, kalte Maschine beschreiben, aber eben nicht die typischen Verhaltensweisen eines Menschen mit Herz und Seele. Sie stellten zu Recht die typische Verhaltensökonomie von Investoren und Anlegern, d.h. das Warum und Wie, ihrer nicht selten stimmungsgetriebenen, irrationalen Handlungsweisen in wirtschaftlichen Situationen in den Fokus.

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es

Gerade in Krisenzeiten reden auch unsere Politiker immer wieder gerne von der Bedeutung psychologischer Faktoren. Diese beeinflussen Merkel & Co. nicht nur maßgebend, sie haben sie wie Knetgummi in ihren Händen. Politiker stellen mit ihrem Handeln auch die moralischen Rahmenbedingungen für das Wohl und Wehe in Werkhallen, auf Gütermärkten und Vorstandsetagen, ja auch in Börsensälen bereit. „Alles wird gut“ ist als Motto nicht gut genug. Gut wird es nur, wenn man auch alles dafür tut.

Haben Sie den Eindruck, dass genau dies die Maxime der Politik bei der Bewältigung der wieder voll entbrannten Euro-Krise ist? Bei dem aktuellen Wischi-Waschi, dem Aussitzen von Problemen schöpft man keine Zuversicht. Und mit den täglich gefühlt 100 immer neuen, sich teilweise diametral widersprechenden Vorschlägen zur Beilegung der Euro-Krise – z.B. Griechenland drinnen oder draußen, Fiskalunion bzw. Eurobonds ja oder nein, schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme oder Ausgabendiäten – schafft man nur Skepsis gegenüber der Handlungsfähigkeit der Politik und damit Misstrauen. Sie (Er) liebt mich, sie (er) liebt mich nicht, kann keine Dauerschleife sein. Irgendwann muss der Liebesbeweis für die da oder den da kommen. Man will doch wissen, woran man ist.

Die Euro-Revolution frisst ihr Lieblingskind Deutschland

Apropos Liebesbeweis, mit ihren völlig unklaren Lösungsversuchen ist die Euro-Politik der Liebestöter in der Eurozone. Statt positiver Perspektive sorgt sie für den schief hängenden Haussegen, ja markiert für die Rating-Agenturen als böse Nachbarn sogar die verwundbaren Stellen der Eurozone mit einem dicken Edding, damit diese noch besser zielen und die Harmonie vollends stören können. Das politische Europa riskiert, dass sich die schlechte Geschichte von 2009 und vom zweiten Halbjahr 2011 wiederholt.

Trotz damals – wie heute – zunächst noch stabiler Fundamentaldaten kam von Seiten immer verzagterer Investoren auch immer weniger fröhliches Kapital. Risikoscheue Banken gaben weniger Kredite und frustrierte Anleger erwarben keine Aktien. Und heute entspringen die teilweise massiven Geldabhebungen der Menschen in der Euro-Südzone sicher nicht dem Bedürfnis, während der Fußball-Europameisterschaft allzeit und bequem flüssig zu sein, um ausreichend Erdnüsse, Kartoffelchips, Bier oder Sekt kaufen zu können. Es ist der Ausdruck von Desillusionierung und nackter Angst.

Und bei Fortsetzung der Liebestötung frisst die Euro-Revolution zum Schluss auch ihr Lieblingskind Deutschland auf. Denn angesichts der Globalisierung sind wir keine Insel der Glückseligkeit. Wir sind als Exportnation mitten drin. Die Erfahrung des wirtschaftlichen Annus Horribilis 2009, in dem die frühere, mit den Adlern fliegende deutsche Konjunktur ruck zuck gezwungen war, mit den Hühnern zu scharren, sollte allen Verantwortlichen eigentlich als abschreckendes Beispiel im Kopf sein.

Zumindest eine Zweckehe

Psychologie ist alles und die Politik hat es in der Hand. Nach den Wahlen in Griechenland und Frankreich Mitte Juni und vor allem beim EU-Gipfel Ende Juni muss der konkrete Weg zur Rettung Eurolands – die Road Map – fest stehen. Bereits in der Sesamstrasse wird die ganz einfache Frage gestellt: Wer, wie, was? Und nur die klare Beantwortung baut Vertrauen wieder auf. Dabei ist klar, dass Deutschland einige geliebte, heilige Stabilitäts-Kühe schlachten muss, um der euroländischen Beziehung auf die Beine zu helfen.

Und wenn es der Euro-Politik auch schwer fällt, eine Liebesbeziehung aufzubauen, mindestens eine (finanz-)wirtschaftliche Zweckehe ist dringend erforderlich. Man muss sich nicht lieben, um die Alternativlosigkeit einer Krisenlösung in Euroland zu erkennen.

Also ran an die Buletten, nicht nur während der Fußball-Europameisterschaft.

Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums 1990. Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator und ist durch regelmäßige Medienauftritte bei Fernseh- und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen präsent.


Weitere Kolumnen von Robert Halver:

D-Day im Juni

Die zweite Französische Revolution

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Foto: Baader Bank

1 Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Halver, seit einiger Zeit lese ich mit Genuß Ihre Kolumne. Mit den letzten beiden bin ich aber nicht einverstanden. Sie machen es sich mit Griechenland, so wie auch unsere Politiker, zu einfach. So lange isch IN Griechenland nichts ändert, wird kein noch so großer Geldbetrag Griecheland vor der Pleite retten. Solange in Griechenland Steuer zahlen so funktioniert: 20% für den Staat, 40% für den Finanzbeamten, 40% für den Steuerpflichtigen, d.h. dem Staat entgehen 80% der Steuereinnahmen; solange es in Griechenland viermal so viele Lehrer pro Schüler gibt wie in Finnland und die Schüler trotzdem schlecht ausgebildet sind (wahrscheinlich gehen 3 von 4 Lehrern nicht in die Schule sondern zur Schwarzarbeit); solange die griechische Wirtschaft zu mehr als 30% aus Schwarzarbeit besteht; solnge annähernd die Hälfte der Steuer- und anderer Beamten gar nicht zur Arbeit erscheint, ohne Krankmeldung oder sonstige Entschuldigung, und sich keiner darum kümmert; so lange ist jeder Versuch, mit Geld Besserung zu schaffen, zum Scheitern verurteilt. Neue Gesetze in Griechenland helfen auch nicht, denn keiner hät sich daran, am wenigsten der Gesetzgeber. In den anderen Krisenländern ist es vielleicht besser, aber anscheinend nicht genügend besser. Stellen Sie sich mal einen Körper mit einem Krebsgeschwür vor und die Ärzte versuchen den KREBS zu stabilisieren, statt den Krebs herauszuschneiden und den gesunden Teil des Körpers zu stabilisieren.
    Und zu Ihrer Idee mit dem Verlassen der Sparsamkeit: Was haben denn Konjunkturprogramme bisher produziert außer Blasen?
    Mit freundlichen Grüßen
    Hansjörg Lipowsky
    PS: Leider kann ich wohl nicht damit rechnen, von Ihnen eine Antwort zu bekommen, hätte gerne mit Ihnen diskutiert.

    Kommentar von Hansjörg Lipowsky — 15. Juni 2012 @ 15:42

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